Donnerstag, 18. Juni 2009

ARGE Rotlicht

Gestern wurden in einem Strafverfahren Kriminalbeamte als Zeugen gehört, die ihren Dienst bei der ARGE Rotlicht versehen. Der Name der ARGE ist Programm und zu den Hauptaufgaben der dort tätigen Beamten gehört es, Bordellen und Clubs Routinekontrollen zu unterziehen.

Mein Mandant hatte in seinem Etablissement eine Art Preisliste hängen, auf der einzelne Dienstleistungen und deren Preise standen, daneben hatte er Überwachungskameras installiert. Insbesondere in Bezug auf die Überwachungskameras galt es also, in Erfahrung zu bringen, inwieweit diese dazu dienten, die Prostituierten bei der Ausübung ihrer Tätigkeit zu überwachen.

Die Beamten kannten das Etablissement meines Mandanten. Sie wussten zu berichten, dass keine Kameras in den "Arbeitszimmern" installiert waren, sondern an der Außenseite des Gebäudes und im Flur. Zur Preisliste befragt, bekundete ein Beamter, er kenne kein Bordell, in dem so eine "Menükarte" nicht hänge und er kenne berufsbedingt wirklich alle Bordelle in B. und Umgebung.

So ganz nebenbei erfuhren die Prozessbeteiligten dann noch, dass das Kerngeschäft in Bordellen schon lange nicht mehr nachts ablaufe. Die Mittagszeit sei es, in der Hochbetrieb herrsche. "Schatz, ich bin dann mal beim Geschäftsessen", sei eine beliebte Ausrede. Na denn Mahlzeit.

Dienstag, 16. Juni 2009

Hellsehen beim Amtsgericht

Heute erreicht ich die Ladung eines Amtsgerichts zu einem Hauptverhandlungstermin in knapp zwei Wochen. Es geht um eine Jugendstrafsache.
Ein Blick in den Kalender verrät mir, dass ich an diesem Tag ab 9 Uhr morgens bereits in einer Umfangssache sitze.

Nachdem wegen des Wasserschadens in meinem Büro und der damit verbundenen Evakuierung des Sekretariats derzeit die Abläufe etwas schleppend sind und ich in letzter Zeit ohnehin reichlich Brieffreundschaften mit Richtern wegen Terminsverlegungen begründet habe, rufe ich die Geschäftsstelle an in der Hoffnung, noch mit der Richterin verbunden zu werden, um mit dieser einen Termin abzusprechen.

Es meldet sich Frau M., die zur Spezies der immer freundlichen Geschäftsstellenmitarbeiter zählt. Ich nenne meinen Namen und bevor ich dazu komme, auch nur die Sache zu nennen oder gar das Aktenzeichen zu sagen, meint Frau M: "Sagen Sie nichts. Ich weiß, weshalb Sie anrufen." Ich: "??" Frau M.: "Der Termin in der Sache X. Sie können nicht, stimmt´s?" Stimmt. Ich bin platt. Frau M. kann offenbar hellsehen und ist damit der Vorsitzenden um Einiges voraus. Die war übrigens nicht mehr da, aber das konnte ich ja nicht wissen; schließlich gehts mir in puncto Hellsehen genau wie ihr.

Montag, 15. Juni 2009

Ich bin nicht Klempner von Beruf

Berichtete ich vergangene Woche noch über den Wasserschaden in meinem Sekretariat, ist mir heute der weitere Verlauf der Sache einen Bericht wert.

Zur Erinnerung: in meinem Sekretariat drückten sich urplötzlich Schimmel und Nässe durch die Wand. Der vermieterseits eilig herbeigerufene Klempner stellte zutreffend fest, dass man erstmal nachsehen müsse, wo denn die schadhafte Stelle sei. Ein kluger Einfall. Das war am Mittwoch. Donnerstag, so der Klempner, sei Feiertag (stimmt, zumindest in Rheinland-Pfalz) und Freitag sei ein Brückentag, an dem nicht gearbeitet würde (stimmt nicht; ich habe gearbeitet, Millionen anderer Leute auch, der Klempner wohl nicht) und dann komme schon das Wochenende, so dass frühestens Montag angefangen werden könne.

Heute ist Montag, das Wasser hatte sich über Feier- und Brückentage sowie das Wochenende weiter seinen Weg gebahnt, und während ich im Bulgari-Verfahren der mehr oder minder erhellenden TKÜ lauschte, wurde der Kelmpner in meinem Büro vorstellig. Das Leck sei gefunden, wusste er meiner Sekretärin zu berichten. Jetzt wolle er mal rasch unter die Tapete schauen und - ratsch - war auch schon die erste Bahn entfernt. Dieser folgten weitere und wer glaubt, diese seien entsorgt worden, irrt. Sie blieben liegen. Auf dem Boden. Die Teile waren klatschnass. Es gehört wohl nicht zum Tätigkeitsbild eines Klempner, die Tapeten wegzuräumen. Im Arbeitsvertrag meiner Sekretärin steht auch nichts von Renovierungsarbeiten im weiteren Sinne, so dass mal wieder das Motto galt: Wenn du willst, dass etwas richtig getan wird, tue es selbst.
Eines ist klar: der Klempner hat Glück gehabt und sollte meine duldsame Mitarbeiterin in sein Nachgebet einschließen.

Was mich tröstet? - Morgen ist auch noch ein Tag und er kommt wieder.

Donnerstag, 11. Juni 2009

Keine Kekse von der Tante

Vor einiger Zeit riet mir eine Mitarbeiterin dazu, im Besprechungsraum neben Taschentüchern (für weinende Mandanten oder Angehörige von inhaftierten Mandanten) und Kaffeetassen etwas zum Knabbern vorzuhalten. Das sei gut für die Nerven der Klienten und man erziele mit wenig Geld einen guten Effekt. Wenn dem so ist, dachte ich und kaufte drauflos.

Seither gibt es jedenfalls abwechselnd Pralinen mit und ohne Alkohol für die Großen und Gummibärchen oder Kekse für die Kleinen. Die Lutscher, die nicht nur die Zunge, sondern gleich auch noch die Kleidung einfärben, habe ich nach der Beschwerde einer Mutter nicht mehr hingestellt.
Einmal kamen Weingummibärchen so gut an, dass ein mitgebrachtes Kind, welches wie meine Oma früher zu sagen pflegte "gut durch den Winter gekommen war", gleich den gesamten Inhalt der nicht gerade kleinen Bonboniere innerhalb eines viertelstündigen Gesprächs zwischen seinen Eltern und mir vertilgte.

Sie hatte Recht, meine Mitarbeiterin. Die Mandanten nehmen das Knabberangebot überwiegend dankend an und ich bin froh, auf diese Weise ihre Nerven wenigstens ein wenig schonen zu können.

Gestern musste ich die erste Schlappe einstecken: ein Mandant hatte seinen Sohn dabei. Ich schätzte ihn auf etwa 10 Jahre. Meine Frage, ob er ein paar Kekse essen wolle, verneinte er. Das erste Mal, dass ein Kind keine Kekse essen wollte. Ich war irritiert. Die Besprechung dauerte länger und so fragte ich nochmal nach: "Wirklich keinen Keks?" Antwort: "Ich esse sowas nicht. Ich bin Sportler."
Rumms! Das klang souverän, diszipliniert und extrem ambitioniert.
Ich treibe übrigens auch Sport und habe mir nach dem Gespräch mit dem kleinen Jungen vorgenommen, künftig keine Kekse mehr zu essen.

Mittwoch, 10. Juni 2009

Tage, an denen man verliert

Es gibt Tage, an denen man besser im Bett geblieben wäre. Heute scheint einer dieser Tage zu sein.

Dass das Brötchen im Toaster hängenblieb und etwas mehr als nur kross wurde, war erst der Anfang. Im Büro stelle ich fest, dass der Aktenstapel auf meinem Schreibtisch über Nacht nicht kleiner geworden ist und ich den morgigen Feiertag wohl am Schreibtisch verbringen werde. Fast hätte ich den Friseurtermin vergessen, den ich für heute vormittag vereinbart hatte. Im Nachhinein: ich HÄTTE ihn besser vergessen, denn mit den Strähnen ist ganz offensichtlich was schiefgelaufen und jetzt sehe ich aus wie ein Streifenhörnchen.

Als ich zurück ins Büro komme, stellt meine Sekretärin mit einem kurzen Blick fest, dass das Ergebnis suboptimal ist und fragt lakonisch, ob sie schonmal die Akte anlegen soll. Derweil fällt mein Blick auf eine Zimmerecke des Sekretariats. Wasser läuft die Tapete herab und es hat sich bereits ein größerer Wasserfleck an der Wand gebildet. Also auch noch ein Wasserschaden offenbar ein Stockwerk höher. Gleich kommt der Klempner und ich bin gespannt, was dann wieder schiefgeht.

Der frohe (Un)mut oder: Kaution und Bankbürgschaft

Der Kollege Vetter berichtet gestern über die Freundlichkeit einer Mitarbeiterin einer Hinterlegungsstelle beim AG Düsseldorf, ohne deren Hilfe sein Mandant vermutlich zumindest noch die Mittagspause hinter schwedischen Gardinen verbracht hätte.
Doch selbst wenn er erst am nächsten Tag wieder ungesiebte Luft geatmet hätte, wäre das noch fix im Vergleich zu einem meiner Kautionsfälle gegangen, der noch gar nicht so lange her ist und noch heute meinen Blutdruck steigen lässt.

Und das kam so:

Ich hatte erreicht, dass ein Mandant gegen die Stellung einer Bankbürgschaft freikommt.
Frohen Mutes setzte ich mich mit der Hausbank meines Mandanten in Verbindung. Dort unterhält seine Familie ebenfalls Konten und man darf sagen, dass es sich um gute Kunden der Bank handelte.
Anstatt mir die gewünschte Bürgschaftserklärung zukommen zu lassen, wollte der Bankmitarbeiter zunächst einmal wissen, was mein Mandant denn "überhaupt ausgefressen" habe. Das, mit Verlaub, ging ihn nichts an. Das Aktenzeichen musste ihm genügen. Bis ihm das genügte, verging Tag Nr. 1.

Tag Nr. 2 brach an und mein Mut war nicht mehr ganz so froh. An diesem Tag wünschte der Banker eine Befristung der Bürgschaft. Keine Frage, sollte er haben. Das ging ihm wohl etwas schnell, denn nun sollte die Familie meines Mandanten einen Schuldbeitritt erklären und ich sollte ihm die entsprechende Erklärung zusenden. Nach Vorlage derselben würde man die Sache überprüfen. Nun war das Klassenziel des Unmutes erreicht. In der diesen Mandanten betreffenden Sache war gerade Sitzungspause und ich rief den Banker an. Ich merkte gar nicht, dass ich mich stimmlich ein wenig verausgabte, denn ein Kollege fragte mich, weshalb ich denn überhaupt telefoniere, schließlich höre man mich mühelos bis auf die iberische Halbinsel. Mein neben mir sitzender (und zwar in doppelter Hinsicht sitzender!) Mandant hatte den Kopf eingezogen.

Ich lernte an diesem Tag noch den Vorgesetzten des Bankers kennen, telefonisch und sehr kurzfristig. Ein verständiger Mann mit Durch- und Weitblick. An Tag 3 war mein Mandant frei, der inzwischen bei einer anderen Bank Kunde ist.

Dienstag, 9. Juni 2009

Der anonyme Schreiber

In seinem Blog postet der Kollege Siebers unter Datum vom 08.06.09 unter der Überschrift Kinderporno-Paranoia von einem Fall, in dem auf einen eher vagen Hinweis eine Durchsuchung angeordnet worden war. Dies kommentiert ein anonymer Leser wie folgt:

Ja denkt denn niemand an die Kinder?Lieber 10 zu Unrecht in den Knast, als noch ein Bild irgendwo von einem posierenden Kind!
Dienstag, Juni 09, 2009 9:43:00 AM

Ich wüsste gerne, ob der anonyme Schreiber der Sache noch genauso gelassen gegenüberstehen würde, wenn er selbst zu den 10 Unschuldigen gehören würde.

Ansonsten fällt mir noch Feuerbach ein: "Niemand urteilt schärfer als der Ungebildete. Er kennt weder Gründe noch Gegengründe und glaubt sich immer im Recht."