Dienstag, 23. November 2010

Wir überprüfen zur Abwechslung mal eine Redewendung: Tacheles reden

Anwälten wird ja häufig vorgeworfen, sie drückten sich so aus, dass ein Nichtjurist kaum in der Lage sei, sie zu verstehen.

Bei den meisten Strafverteidigern, die ich kenne, ist das anders, denn die sind es gewohnt, sich je nach Klientel sprachlich auf ein Level zu begeben, das manch einem ausschließlich zivilrechtlich orientierten Anwalt eher fremd ist.

Es ist zwar schon einige Jahre her, aber ich erinnere mich immer wieder gerne an einen Prozess, in dem ich zusammen mit einer sehr geschätzten Kollegin verteidigte. Die Kollegin und ich waren uns einig, dass unsere Mandanten von ihrem Schweigerecht Gebrauch machen würden und hatten das mit diesen auch so im Vorfeld besprochen. Am 1. Hauptverhandlungstag erschien der Mandant der Kollegin und erklärte, er habe sich das nochmal überlegt, er wolle eine Aussage machen. Er sei schließlich unschuldig und auch sein Zellengenosse habe ihm dazu geraten.

Solche Auswüchse der "Knastberatung" kennt man als Verteidiger und man könnte gleich noch das Sprichwort mit dem Propheten und dem eigenen Land prüfen, aber zurück zum Wesentlichen:

Zunächst hatte die Kollegin noch versucht, ihrem Mandanten klarzumachen, dass sie besser wisse, was gut für ihn sei als ein Zellengenosse, dass das Gericht aus seinem Schweigen keine nachteiligen Schlüsse ziehen dürfe etc.. Da der Mandant aber derart vernünftigen Argumenten nicht zugänglich war, der Zeiger der Uhr immer weiter in Richtung der 9 rückte und der Kollegin hörbar die Hutschnur krachte, brüllte sie ihn an:

"Du hältst das Maul, sonst ist hier Achterbahn!!"

Das war das, was man unter Tacheles versteht. Es hat übrigens gewirkt.

Kommentare:

Johannes hat gesagt…

Einfach nur schön.

Ich habe auch schon erlebt, wie ein Verteidiger seinem etwas redefreudigen Mandanten ordentlich auf die Schulter gehauen hat.

Hat auch funktioniert.

doppelfish hat gesagt…

Ist ja kein Fehler, sich dem Niveau des wichtigsten Gesprächspartners anzupassen. Nur bei der Anrede muss man vorsichtig sein.

Übrigens: Das Captcha fordert mich gerade freundlich, aber bestimmt zur Eingabe des Wortes "Prolet" auf. Mach' ich doch gerne. Solange es mich nicht siezt. :D

Tilman Hausherr hat gesagt…

Bei der Sache mit der Schweigerecht muss ich immer an die Spieltheorie denken.
http://de.wikipedia.org/wiki/Spieltheorie
Allerdings werden die wenigsten Beschuldigten davon gehört haben.

Anonym hat gesagt…

Vielen Dank für den Lacher am Morgen.

RA Will hat gesagt…

Man muss den Mandanten die Sachlage halt so erklären, wie sie es verstehen. ich bin da auch eher...sagen wir mal..."direkt".

Ansonsten habe ich mich schon immer darüber gewundert, dass sich die Inhaftierten Mandanten nicht fragen, wieso der Knastbruder mit den guten Ratschlägen eigentlich selbst im Knast sitzt.

Oder der Knastbuder, der ll absitzt und einen top Anwalt empfiehlt, der sich so richtig reinhängt. Offensichtlich aber nicht bei ihm.

Ich sage immer, ich hab nicht viele Mandanten im Knast, das sollte für sich sprechen...

doppelfish hat gesagt…

@Tilman wenn nur der Verteidiger, oder, wie hier, die Verteidigerin, über die interessanten Konstellationen Bescheid weiss.

Thomas Redeschwall hat gesagt…

Ein Mandant für Sie beide:
http://www.badische-zeitung.de/skurril-schlusswort-des-angeklagten-dauert-14-stunden

"Der Urteilsberatung war ein 14 Stunden dauerndes letztes Wort des Angeklagten vorausgegangen. (...) Der Angeklagte hat in diesem Prozess zahlreiche Beweisanträge gestellt. Insgesamt umfassen seine Eingaben an das Gericht 4000 handgeschriebene Seiten. Auf die Ratschläge seines erfahrenen Pflichtverteidigers hat er nicht gehört."