Montag, 17. Mai 2010

Von der Gnade, nicht als Anwalt erkannt zu werden

Die Kollegin Braun berichtet hier darüber, dass man ihr ihren Beruf nicht abgenommen habe.

Ist das denn so schlimm, wenn einen die Leute nicht für einen Anwalt halten?

Aus meiner Sicht ist es das nicht. Ich hatte mich hier schon darüber ausgelassen, wie lästig es ist, auf einer Party mit der gleichnamigen Frage konfrontiert zu sein. Das alleine spricht schon für ein Inkognito.

Aber auch Anfragen à la "Ich hab da ein Problem mit meinem Nachbarn" erreichen einen nicht, wenn man sich nicht outet.

Problematisch wird es nur dann, wenn man irgendwo eingeladen ist, wo potentielle Mandanten gewonnen werden könnten. Dann sollte man jedem, der es im Zweifel gar nicht hören will, von seiner Profession berichten. Und erst hier stellt sich die Outfitfrage, der man je nach Klientel wohl unterschiedlich begegnen wird. Meine Mandanten legen größtenteils keinen Wert auf Dinge, auf die ich ebenfalls keinen Wert lege, was z. B. bedeutet, dass die Handtasche egal ist, die Armbanduhr indes nicht. Kollegen, die es vorwiegend mit Geschäftskunden zu tun haben, müssen schon eher darauf achten, dass ihr Anzug die richtige Marke hat.

Dann gibt es noch die Kollegen, die entweder so bekannt sind und so viel zu tun haben, dass sie auf Äusserlichkeiten überhaupt keine Rücksicht mehr nehmen müssen und schließlich die, die seit jeher mit Äusserlichkeiten nichts am Hut haben und es fertigbringen, mit einer Discounterplastiktüte voller Akten zu einer Hauptverhandlung beim Landgericht aufzulaufen, wie dies vor Jahren eine von mir sehr geschätzte Kollegin tat. Dass sie dabei von manchen Leuten schief angesehn wurde, merkte sie nicht einmal. Fand ich richtig cool.

Kommentare:

RAinBraun hat gesagt…

Hallo Frau Kollegin, "inkognito" zu sein hat in der Tat sehr viele Vorteile. Bei der von mir geschilderten Veranstaltung war ich aber durchaus (auch) zur Akquise - zumindest war hatte ich Visitenkarten dabei und einen Hosenanzug an. Nur die Handtasche...
;-))

Kerstin Rueber hat gesagt…

@RAin Braun: Welche Marke wäre denn adäquat gewesen? Ich bin von dem Kram ja weg, seit mir mal eine Tasche der Marke, die vorne ähnlich wie eine Frucht und hinten wie eine englische Ente heisst, nach recht kurzer Zeit kaputtgegangen ist.

Claus hat gesagt…

Falls die Plastiktüte von ALDI Süd war, hat sie alles richtig gemacht.

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http://farm5.static.flickr.com/4025/4393471566_ee14a9f642.jpg

Andreas Neuber hat gesagt…

Als erster Vorsitzender der Crefelder Herren Adorations- Und Virilitäts- Initiative könnte ich mich jetzt darüber auslassen, wie und wodurch die Zweifel an der Mitgliedschaft am verkammerten Beruf des "Rechtsanwalts" verstärkt wurden.


Aber das tue ich nicht !

RAinBraun hat gesagt…

@Kollegin Rueber
Ha, eine Enten-Aktentasche hatte ich auch mal. Mitterweile dreimal nach Entenhausen eingeschickt - weil kaputt. Eine echte Katastrophe.

In den Kreisen an besagtem Abend wäre eine Tasche adäquat gewesen, die so aufgedrucke Logos hat und vorne wie ein französischer Männername heißt...

P.S. Ich habe keine Uhr. Panik. ;-)

Kerstin Rueber hat gesagt…

@Kollegin Braun: Ach, DIE meinen sie. So ein Ding, dass man auch für ganz billig Geld als Plagiat erwerben kann. Geht gar nicht.
Ich berate sie gern beim Uhrenkauf. ;-)

Anonym hat gesagt…

Also ich würde eine Anwältin vielleicht an ihrer ungewöhnlichen Wortwahl und gelegentlich pointiert gewählten Ausdruckweise erkennnen.

Teure Handtaschen sind für mich eher genau *nicht ein Zeichen von Intelligenz.

Die billigen, stabilen military style Rucksäcke sind praktischer. *eg,d&r* ;o)

Carsten R. Hoenig hat gesagt…

... wenn die Mädels dann mit den Uhren und Taschen durch sind, kommen die Schuhe dran.

Damit kennst Du Dich ja auch ganz gut aus, liebe Kerstin. ;-)

Christian hat gesagt…

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass gewerbliche Mandanten weniger auf die Anzugmarke achten als darauf, wie man sie berät. Denn Gewerbetreibende haben in der Regel das gleiche Ziel wie wir Anwälte - nämlich Geld zu verdienen. Dagegen will man solche Menschen, die auf die Anzugmarke oder das Handtäschchen achten und das sogar zum Gesprächsthema machen, im Zweifel gar nicht als Mandanten haben. Denn mit denen wird es erfahrungsgemäß auch in der laufenden Mandatsbeziehung sehr schwierig.

RAinBraun hat gesagt…

@Kollegin Rueber
Wenn ich das nächste Mal in Koblenz bin (kommt öfter vor), dann ziehen wir los. ;-))

Kerstin Rueber hat gesagt…

@Kollegin Braun: Sehr gerne!
@Carsten: Phhh! ;-)

Anonym hat gesagt…

Statussymbole.
Ist ein interesantes Thema.
Als Softwareentwickler habe ich interessanterweise auch heute noch ein bisschen Narrenfreiheit. Anzug und Krawatte sind nicht notwendig.
In den 90ern war das noch normal, und erstaunlicherweise ist das heute immer noch so. Mit dem Aussehen eines langhaarischä ("Bombeläscher" darf man heutzutage ja nicht mehr sagen) Waldschrates komme ich erstaunlicherweise immer noch durch. Mag sein, daß so Leute wie Steve Jobs da in der Lage sind, immer noch dieses Image zu prägen.
Das Rudelverhalten bei Anzug- und Schlipsträgern unter sich aus einer außenstehenden Perspektive zu betrachten, empfinde ich manchmal als verstörend und irritierend.
Je größer die Firma, desto seltsamer und weniger an Problemlösungen orientiert, so scheint mir.

Wie ist das bei Anwälten?
Was für Klischees muss man bedienen, um ernst genommen zu werden?
Zählt da wirklich der Schein mehr als das Sein?
Ist das vor Gericht wirklich mehr Showtime als logisches Argumentieren?
Wenn ja, wie muß man auftreten, um eine gute Show zu liefern?